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KRIEG IM SPIEGEL - Fotografie als Kunst

von Thomas Knauf

"Ein Ding als schön empfinden heißt: es notwendig falsch empfinden"
Friedrich Nietzsche

"Erfahrung kann nur blind machen"
Heiner Müller

 

In ihrem berühmten Essay ‚Die Leiden anderer betrachten' stellt Susan Sontag die Frage, ob Fotografien von Krieg und Gewalt sich zu dem abgebildeten Gegenstand kritisch, zynisch oder neutral verhalten. Ihre Einwände gegen den Voyerismus des medienkonsumierenden Betrachters, der überall dabei gewesen sein will, um den horror vacui seines unspektakulären Daseins mit Ereignisbildern auszufüllen, wiegt sie auf mit dem frommen Wunsch, die Betrachtung von Gewalt und Tod würde die Aufmerksamkeit auf die Unordnung in der Welt richten. Obwohl Susan Sontag in ihrem Stück zahlreiche Abbilder vom Leid der anderen beschreibt, ist kein einziges dieser Fotos dort abgebildet. Ahnte sie, dass dem Medium Fotografie mit pädagogischer Lesebrille nicht beizukommen ist, dass die ihm innewohnende ‚Gewalt des Augenblicks' eine kaum zu kanonisierende Dynamik besitzt? Eine Dynamik, die zugleich abstößt und anzieht. Gewaltdarstellungen verlangen nach immer mehr Gewalt und stumpfen dadurch immer mehr ab. Die permanente Sensation des Schreckens trägt den Erschlaffungseffekt in sich wie die Werbung den Konsum-Überdruß, wie die Dauererektion die Impotenz.
Krieg und Fotografie gehören zusammen seit Timothy O'Sullivans Bildern vom Schlachtfeld bei Gettysburg aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges. Noch früher datiert eine der Ikonen der Kriegsfotografie: Roger Fentons ‚Tal des Todesschattens', Krim 1855. Das Bild zeigt die Schneise eines Weges übersäht mit Kanonenkugeln, die aussehen wie Stahlhelme. Entstanden ist das Foto in Yorkshire/England, wo der Fotograf das Umfeld des Krimkrieges simulierte, bevor er später dorthin reiste. Ungewollt legte Fenton damit einen Wesenszug moderner Kriegsfotografie offen: die manipulierte, inszenierte bzw. nachgestellte (in seinem Fall vorgestellte) Aufnahme. Erst durch Titel und Text kann das Foto ‚gelesen' werden und ruft gerade durch die Abwesenheit des Todes einen ähnlichen Schauer hervor, wie die in Stein gebrannten Schatten der Toten von Hiroshima. Noch abstrakter wirkt das Foto von Francois Aubert mit dem Titel ‚Das Hemd des Kaisers Maximilian nach seiner Erschießung' von 1867. Es hängt wie ein Stillleben an einer Tür und zeigt die Einschusslöcher. Noch bevor der Krieg zwischen der Malerei und der Fotografie um die Vorherrschaft in der Kunst begann, besiegte dieses Foto den Gegner durch seine nichtflüchtige, wohlproportionierte Bildhaftigkeit. Obwohl das Foto des kaiserlichen Totenhemdes aussieht ‚wie gemalt', bleibt es nur eines von vielen Beweisstücken der Geschichte, denn sowohl die Erschießung Maximilians wie seine Beisetzung wurden für die Gesellschaftsmagazine dokumentiert.
Das fotografische Medium ist seinem Wesen nach inhaltslos und verhält sich zum abgebildeten Gegenstand unaffektiert, bleibt trotz Nahaufnahme distanziert, ja gleichgültig. Ein Kriegsreporter kann nicht gleichzeitig einem Verwundeten helfen und ihn fotografieren. Er kann auch nicht mit dem Gewehr und der Kamera zugleich schießen - aber er kann beim Fotografieren getötet werden, wie es jährlich zweihundertmal passiert.
"Wie Schusswaffen... sind Kameras Wunschmaschinen, deren Benutzung süchtig macht" (Susan Sontag). Eine der ersten Filmkameras der Brüder Lumiére war auf einem Gewehrlauf montiert und das Malteserkreuz, das die bewegte Realität in Einzelbilder zerlegt, ist der Bruder des Ladeverschlusses des Maschinengewehrs. Auch wenn Kameras nicht töten, können sie doch Menschen Gewalt antun, indem sie die Abgebildeten zeigten, wie sie sich nicht sehen: als Objekte der Begierde unserer Bildersucht. Der Fotograf als ‚Reporter des Satans' - wie ein berühmter Film von Billy Wilder heißt - ist der Engel der Nichteinmischung, der das objektgewordene Subjekt verewigt.
Mit Moral hat dieser Beruf wenig zu tun und wie in jedem Beruf kann es zu Deformierungen kommen. Besonders bei jenen Fotografen, die von einem Krieg in den anderen ziehen, um bloß kein Elend zu verpassen.
Knut Mueller ist seit zwanzig Jahren im Krieg. Für den SPIEGEL, den STERN und andere war er an allen Kriegschauplätzen seit dem Zusammenbruch des Kommunismus. Er war in Sarajevo als serbische Granaten den Gemüsemarkt in ein Schlachthaus verwandelten; er war Zeuge als die Albaner die verbliebenen Serben im Kosovo ‚sonderbehandelten'; er zog als ‚embedded journalist' im Irak ein, geriet in Tschetschenien zwischen die Fronten und war in den letzten Jahren oft in Afghanistan.
Wer seine intensiven Bilder kennt, die oft verdammt nahe am Geschehen rangieren, oft aber auch ereignislos, fast idyllisch zu sein scheinen, fragt sich unweigerlich, wie jemand diese Bilder von schlimmer Vulgarität und Grausamkeit, von Lautstärke und banaler Absurdität verarbeitet. Das Gesehene muss Spuren hinterlassen. Eine gewisse Schweigsamkeit über das Erlebte mag prädisponiert sein, weswegen er nicht Texte schreibt sondern Bilder macht. Fotos sagen oft mehr als Worte, zeigen aber nie das ganze Ausmaß des Krieges. Einfach deshalb, weil die wirkliche Verwüstung in den Seelen der Menschen passiert. Die zerstörten Gesichter der Überlebenden sind nur der Zerrspiegel dieses Entsetzens. So kann Knut Mueller, wie ein Arzt, immer nur die Symptome der Krankheit dokumentieren, nicht den wahren Schmerz der Maladie de la mort, den der Fotograf dennoch fühlt.
Ihm gelangen entlarvende Bilder von Taliban-Kämpfern, die denen von NATO-Soldaten verblüffend ähnlich sind. Junge Männer posieren eitel und albern mit ihren Waffen vor der Kamera, als wollten sie sich für den nächsten Rambo-Film entdecken lassen. Junge Männer als Kindsköpfe.
Wie der Fotograf darüber denkt, wissen wir nicht. Das Entscheidende ist: seine Bilder lassen Raum für Gedanken und Gefühle der Betrachter. Aber sehen kann nur, wer sehen kann. Denn die Fotografie besitzt laut Roland Barthes keine eigene Sprache, übermittelt vielmehr Botschaften ohne Codes. Im Gegensatz zur Malerei liefert sie authentische Beweise statt Interpretationen. Diese übersetzen das Gesehene nicht, sondern zitieren daraus auf augenblickliche, technisch reproduzierbare Weise.
Fotografen, sofern sie sich als Künstler begreifen, zeigen uns oft nicht die Welt der Dinge wie sie sind - vielmehr etwas, was sie, die Fotografen, darin sehen und das der Betrachter nun mit subjektivem Blick aus den Bildern herauslesen muss. Doch bei aller Vieldeutigkeit des Mediums, kommt immer etwas von der inneren Wahrheit des Dargestellten mit aufs Bild. Das Medium Fotografie kann also bewusste Interpretation wirklicher Abbilder sein.
So gesehen, lässt Knut Muellers Kriegsfotografie den Willen erkennen, ein eigenes Werk zu schaffen.

Bevor er Fotograf wurde, studierte Mueller an der Kunsthochschule in Halle. Anfang der 80er Jahre begann er mit Collagen und Fotoübermalungen. Mittlerweile zeigt er auf Ausstellungen nur noch bearbeitete Fotos des Krieges und Atelierarbeiten zum Thema Gewalt und Eros. Das Geschäft mit den Medien, das am Ende des Tages nichts als Altpapier übrig lässt, stellt er hinten an.
Mueller wechselte quasi von der Fotografie zur Malerei, um der kurzen Verfallszeit und Gefühlskälte des medium cool zu entgehen. Das Problem dabei ist, dass die gegenständliche Malerei heute immer mehr versucht, zur Fotografie zu werden; ja, dass alle Kunst nach dem beliebigen Zustand des Fotografischen strebt.
Hätte Mueller mehr Geduld würde er warten, bis seine Kriegsfotogafien von selbst zu Kunst werden. Steigt doch die Wertschätzung des Augenblicksmediums mit der Zeit. Alte Fotos bedeuten mehr als gegenwärtige, von denen es zu viele gibt. Wie der Engel des Fortschritts Angelus Novus sind wir bei der Betrachtung der Kriegsbilder von Robert Capa oder von Jewgeni Chaldej angehalten, die kaputtgegangenen Dinge rückwärtsblickend zu reparieren. Doch wir werden fortgetrieben in immer neue Kriege und Katastrophen. Deshalb wird Knut Mueller wohl nicht aufhören, diese zu fotografieren - obwohl er als Bildender Künstler von sich Reden macht. Dass sein Werk die Zeiten überdauern wird, scheint gewiss. Dass er die Gefahren übersteht, denen er sich stets aufs Neue aussetzt, wünschen wir ihm. Denn keine Kunst ist es wert, dafür zu sterben - außer der Kunst zu leben.

Thomas Knauf ist Autor und Regisseur in Berlin

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