knut mueller artphoto
 

Schönheit und Schrecken

von T.O. Immisch

Der Photokünstler Knut Mueller ist auch Kriegsreporter. Bei dieser Arbeit ist das Digitale lediglich Mittel zum Zweck des Aufzeichnens und Verschickens seiner Bilder. Als Künstler macht er das Digitale selbst zum Zweck: mit dem freien Erfinden von Bildern aus Bruchstücken gefundener wie inszenierter Situationen baut, montiert, manipuliert und komponiert er Sichtbares, Deutbares, das es so vorher nicht gab - seine Bilder: verdichtete, zugespitzte, häufig schrille oder schräge Darstellungen seiner Weltsicht und Welterfahrung, Bilder oft als Bekenntnisse.

armoured nudes

Frauen stellen sich aus. Ganz bewusst. Setzen sich den Blicken der Betrachter aus, sind aber keinem konventionellen Gebrauch unterworfen, keinem funktionalen Zusammenhang wie etwa in Werbung, Mode, Pornographie. Mit Konventionen dieser Bilderwelten und Verführungsstrategien spielt Mueller ganz offensichtlich, ohne sie zu bedienen.
Wichtig bei seiner Intervention sind Elemente der Störung, Bildstörung - wie beim nicht decodierten pay-tv oder einem kaputten Videorecorder. Zerstörung der Bildoberfläche auch als Kratzer und Einschussloch, Zahlen und Zeichen davor, dahinter, darüber.
Mueller lässt das voyeuristische Verlangen weniger ins Leere laufen als vielmehr gegen die Bildoberfläche stoßen. Eine Grundhaltung, die er durch seine Bilder vermittelt, ist die der Verweigerung: Gerade indem sich Frauen so bewusst und provokant ausstellen verweigern sie, sich ins Gefällige zu fügen, verweigern Verfügbarkeit überhaupt. Mueller spielt mit den Momenten des Verbergens und Verdeckens, des Entbergens und Aufdeckens, akzentuiert derart die Bilder, lenkt und irritiert zugleich den Blick.
Ein weiteres Mittel der Verfremdung sind die Fehlfarben, die Farbmanipulationen: Kalte, kühle oder schreiende Farben machen schlagend deutlich, dass es sich um Bilder als Interpretationen handelt, dass der Gegenstand dieser Bilder ein bestimmtes Verhältnis des Bildautors zu dem ist, was er zeigt.
Die Posen seiner Modelle benennt und empfindet Mueller als maskulin: breitbeinig, Hände in den Hüften, lässig oder lauernd hingestreckt, Kippe in der Hand, den Blick geradeaus. Diese - inszenierte - Verbindung weiblicher Körper mit als ausgesprochen männlich geltenden Posen ergibt konventionalisierte Bilder starker Frauen, die - manchen - ängstigen.
Muellers Frage, besser Behauptung, ist die nach dem Zusammenhang von Geschlechterdifferenz, Rollenverlust, Kommunikationsbarrieren und Gewalt. Es ist bezeichnend, dass diese politische Dimension von Körperdarstellung, dass die politische Dimension des Körpers, der hier mit Nacktheit, Pose und Blick bekleidet ist, von einem Künstler ausgespielt und ausgestellt wird, dessen Geschäft auch die Kriegsphotographie ist, der Täter und Opfer (manchmal dieselben Personen), Gewalt und ihre Wirkungen festhält, in Bilder bannt, immer in der Hoffnung, dass sie uns erreichen mögen - medial und menschlich.

Krieg

In diesem Werk begegnen sich zwei Varianten gegenwärtiger Bildproduktion: Der klassische Reporter als gleichsam aussterbende Art, als lebendes Fossil, wird von einer Redaktion beauftragt, von einem bestimmten Ort oder Ereignis Bilder zu machen. Diese Praxis ist am Verschwinden. Agenturen und Redaktionen kaufen Bilder meist von Photographen vor Ort oder bedienen sich aus kommerziellen Bilderpools. Zunehmend vermarkten auch Amateure, die nahe genug dran waren, ihre Bilder.
Der Photokünstler Mueller folgt dem Prinzip der Montage, also dem Auswählen und Zusammenfügen disparater Bilder aus verschiedenen Zusammenhängen zu einem neuen, zu seinem Bild. (Das Prinzip entstammt der klassischen Avantgarde um 1920.)
Muellers Kriegs- und Krisenreportagen sind eher personen- als ereignisorientiert. Neben Bildern, die durch Bewegung bewegen, finden sich statische, wie das des toten Kindes. Ist er unterwegs, photographiert der Reporter für eine bestimmte Anforderung. Bilder als Fundstücke nimmt er nebenbei mit.
Anders der Montage-Künstler, ihm geht es um Bruchstücke. In Werbe-, Mode- und Produktphotographie schon lange üblich, finden sich Montagen in der bildenden Kunst wieder verstärkt seit den siebziger Jahren. Gewohnte, scheinbar glaubwürdige Bilder werden zerstört, neue aus den Fragmenten der alten produziert. Was früher per Hand mit Schere und Kleber oder in der Dunkelkammer ausgeführt wurde, geht heute schneller am Computer.
Die Skepsis gegenüber der Glaubwürdigkeit photographischer Bilder, die vor achtzig, neunzig Jahren von nur wenigen Künstlern kultiviert wurde, ist heute beinahe selbstverständlich. Bei der Allgegenwärtigkeit digital manipulierter Bilder bleibt die Frage, wie und was Mueller auswählt und neu kombiniert.
Das Wie ist rau und ruppig, es kehrt das Montiertsein der Bilder, ihre digitale Herkunft und Existenz hervor - ist also eine künstlerische Haltung, welche die Mittel, die sie benutzt, klar herausstellt. Das Was sind eigene Bilder - seltener sind es in Computerspielen vorgefundene - aus hauptsächlich drei Themenbereichen: Aus dem Krieg, dem Geschäft mit dem Tod; aus der Sexindustrie, dem Geschäft mit dem Begehren; drittens aus religiösen Bildformeln und Bildformen.
Mit seinen Montagen und Collagen nimmt Mueller die Möglichkeit wahr, sich zu seinem Gegenstand in Distanz zu setzen, etwas ihm Wichtiges mit diesem Gegendstand zu konfrontieren oder in Verbindung zu bringen: Gewalt in Beziehungen - Gewaltbeziehungen zwischen einzelnen Menschen statt zwischen Kriegsparteien.
So ruppig seine Montagen sind, so glaubhaft können sie sein - auch wenn sie nicht gefallen, gar nicht gefallen wollen.


Mezzogiorno in Ostdeutschland

Mezzogiorno bedeutet im Italienischen sowohl Mittag wie Süden. Süden nicht nur als Himmelsrichtung, sondern als Synonym für den armen, weniger "entwickelten" Teil des Landes. Mueller hat zur Wahl des Themas geschrieben: "Bislang war der Mezzogiorno nur ein italienisches Problem; er wurde zum Synonym für einen dauerhaft armen Landstrich am Rande eines reichen Europa. Inzwischen stellt sich die Frage, ob dies auch dem Bild vom deutschen Osten entspricht…"
Muellers Bilder sind panoramatische Feststellungen, so lakonisch wie bewusst gebaut. Sie leben auch von der Ästhetik des Verfalls, die gelegentlich kontrastiert wird mit ironischen Brüchen - etwa einem Pferd oder einer lauten Reklametafel. In voller Breite hingelagert finden wir aufgelassene, verlassene Fabriken, den Abriss von Neubauten, städtebauliche Verheerungen infolge des Sechzigerjahre-Konzepts der autogerechten Stadt oder der Wohnungsbaupolitik der siebziger und achtziger Jahre, als nach innerstädtischen Flächenabrissen die Stadtbrachen mit Punkt- und Scheibenhochhäusern besetzt wurden. (Die sind heute teils schon wieder verschwunden.)
Die Photographien sind Bilder vom Verlust - Verlust von gebauter Umwelt, geronnener Geschichte, architektonischer Qualität, traditioneller Stadträumlichkeit. Was bleibt, ist leeres Land, sind Zwischenräume, Warteräume, unbenutzte Plätze, Nichtorte.
Der leere Tunnelbahnhof erweist sich als Inbild gesellschaftlichen Wandels: Die Schlafstadt der Chemiearbeiter hat ihre Funktion und ihren Rhythmus verloren, die Schichtarbeitermassen sind längst vereinzelt und verstreut, Verkehr findet vor allem auf der Straße statt.

Altarbilder der Neuzeit

Muellers postmoderne Altarretabeln sind Montagen - Montagen im Bild oder Montagen mehrerer Bilder. Er greift traditionelle Motive der jüdisch-christlichen Tradition und Ikonographie auf und wendet sie ins Zeitgenössische. Zum Prinzip Montage kommt der Gebrauch des Digitalen, mittels dessen der Künstler das Photographische seiner Ausgangsbilder transzendiert. Aus Aufzeichnungen baut und fügt er Gegenstands- und Bildkonfrontationen und akzentuiert deren Ansichten durch farbliche Irritationen.
Bemerkenswert ist der Entstehungszusammenhang dieser Werkgruppe: Mueller initiierte einen Wettbewerb zur Erschaffung zeitgenössischer Altarbilder mit dem Ziel, ausgewählte Werke interessierten Kirchgemeinden auf Zeit zur Verfügung zu stellen. Nachdem sich das Projekt wegen mangelnder finanzieller Förderung zunächst nicht realisieren ließ, kam es im Herbst 2009 zu einer Präsentation von sieben Altarpositionen im Magdeburger Dom anlässlich dessen 800-jährigen Bestehens.
Muellers Umsetzungen reichen vom Inszenieren einer klassischen Pieta, renaissancehaft anmutend und doch verfremdet über eher konventionelle Formulierungen - der gehäutete Lammkopf auf silbernem Tablett - bis hin zu krassen Kompositionen, die Gewohntes weitertreiben, übertreiben oder verlassen: Das Kreuz aus fünf Tafeln konfrontiert liebevolle Zuwendung mit tödlicher Gewalt, Einzelne mit Menschenmassen, schließt scheinbare visuelle Fundstücke im Symbol des Kreuzes zusammen - auch ein Zeichen der Hoffnung auf Erlösung. Aber: Hoffnung kann scheitern.

T.O.Immisch ist Kurator der Sammlung Photographie am Landeskunstmuseum Stiftung Moritzburg in Halle, Sachsen-Anhalt.

home | armoured nudes | translation | war & crises | warheads | contact | biography | impressum